Mai – Vollfrühling: Wenn der Apfelbaum blüht

„Der Apfelbaum ist aufgeblüht, nun summen alle Bienen.“
James Krüss

Der Mai gehört für mich zu den schönsten Zeiten im Gartenjahr. Alles ist plötzlich da: frisches Grün, warme Tage, Vogelgesang und überall summende Insekten. In der Phänologie beginnt jetzt der Vollfrühling – eine Jahreszeit, die nicht durch ein Kalenderdatum bestimmt wird, sondern durch die Natur selbst.

Die wichtigste Zeigerpflanze dieser Jahreszeit ist der Apfelbaum (Malus domestica). Wenn seine Blüten geöffnet sind, hat der Vollfrühling begonnen.

Der Apfelbaum – König des Vollfrühlings

Die Apfelblüte gehört für mich jedes Jahr zu den schönsten Naturereignissen. Die Bäume wirken, als wären sie mit rosa-weißen Wolken geschmückt. Gleichzeitig beginnt eine der wichtigsten Phasen für die spätere Obsternte.

Doch die Blütezeit ist empfindlich. Viele Apfelsorten blühen mittlerweile deutlich früher als noch vor einigen Jahrzehnten. Das erhöht das Risiko von Spätfrösten. Bereits wenige Frostnächte können die empfindlichen Blüten schädigen und die Ernte stark beeinträchtigen.

In großen Obstanlagen wird deshalb häufig die sogenannte Frostberegnung eingesetzt. Dabei werden die Blüten kontinuierlich mit Wasser besprüht. Während das Wasser gefriert, wird Wärme frei, die die Blüten vor stärkeren Frostschäden schützt. Dieses Verfahren funktioniert allerdings nur, solange ständig neues Wasser nachgeliefert wird.

Im Hausgarten wäre eine ähnliche Methode mit einem Rasensprenger theoretisch möglich. Aufgrund des hohen Wasserverbrauchs ist sie für die meisten Hobbygärtner jedoch kaum praktikabel.

Ohne Bestäuber keine Äpfel

Mindestens genauso wichtig wie das Wetter sind die Bestäuber.

Eine Apfelblüte wird nur dann zu einem Apfel, wenn sie von Insekten besucht wird. Gerade früh blühende Sorten haben manchmal das Problem, dass noch nicht genügend Bienen und andere Bestäuber unterwegs sind.

Deshalb stellen viele Obstbauern während der Blütezeit gezielt Bienenstöcke in ihre Plantagen. Auch Wildbienen leisten dabei Erstaunliches. Studien zeigen, dass sie häufig sogar effizienter bestäuben als Honigbienen.

Wie wichtig Insekten für unsere Ernährung sind, zeigt ein Blick nach Asien. In einigen Regionen Chinas werden Obstbäume inzwischen teilweise von Hand bestäubt, weil natürliche Bestäuber fehlen. Dabei wird deutlich, wie unersetzlich Bienen und Wildbienen sind:

  • Ein Mensch bestäubt an einem Tag etwa 30 Obstbäume.
  • Ein einziges Bienenvolk besucht während einer Saison Millionen von Blüten.

Für mich ist das ein weiterer Grund, den Garten möglichst naturnah zu gestalten und möglichst viele Nahrungspflanzen für Insekten anzubieten.

Apfelbaumblüte

Wie der Apfelbaum zu uns kam

Der Kulturapfel stammt ursprünglich aus Zentral- und Westasien. Über Handelswege gelangte er nach Europa und gehört heute zu den wichtigsten Obstbäumen unseres Kontinents.

Besonders große Anbaugebiete finden sich im Alten Land bei Hamburg, am Bodensee sowie in Südtirol. Doch auch in unzähligen Hausgärten und Streuobstwiesen prägt der Apfelbaum bis heute unsere Kulturlandschaft.

Alte Apfelsorten neu entdecken

Der Apfel gehört für uns zu den selbstverständlichsten Obstsorten überhaupt. Im Supermarkt ist er das ganze Jahr verfügbar. Dabei vergessen wir oft, welche Vielfalt es eigentlich gibt.

Besonders spannend finde ich die alten Sorten. Viele Menschen mit einer Apfelallergie berichten, dass sie alte Sorten besser vertragen als moderne Züchtungen. Vermutet wird, dass dies mit den enthaltenen Polyphenolen zusammenhängt – natürlichen Pflanzenstoffen, die in vielen alten Sorten noch reichlich vorhanden sind.

Diese Stoffe wurden bei modernen Sorten oft reduziert, weil sie dafür sorgen, dass angeschnittene Äpfel schneller braun werden.

Zum Glück kümmern sich heute zahlreiche Obstbauvereine, Landschaftspflegeverbände und engagierte Baumschulen um den Erhalt alter Apfelsorten. Viele dieser Schätze findet man noch auf Streuobstwiesen oder in alten Hausgärten.

Was passiert jetzt im Garten?

Im Vollfrühling explodiert das Wachstum förmlich.

Viele Stauden treiben kräftig aus, Rosen entwickeln ihre ersten Knospen und die ersten Gemüsebeete füllen sich. Jetzt beginnt die Zeit, in der der Garten jeden Tag anders aussieht.

Typische Zeigerpflanzen

Wer keinen Apfelbaum in der Nähe hat, kann den Vollfrühling auch an anderen Pflanzen erkennen.

Typische Zeigerpflanzen sind:

  • Blattentfaltung der Stiel-Eiche (Quercus robur)
  • Blüte des Flieders (Syringa vulgaris)
  • Blüte des Bärlauchs (Allium ursinum)

Das Ende des Vollfrühlings kündigen wiederum andere Pflanzen an:

  • Blüte der Himbeere (Rubus idaeus)
  • Blüte des Weißdorns (Crataegus monogyna)

Sie markieren den Übergang in den Frühsommer.

Jetzt ist eine gute Zeit für

  • Aussaat vieler Sommerblumen
  • Pflanzung frostempfindlicher Gemüsepflanzen nach den Eisheiligen
  • Mulchen der Beete
  • Beobachtung von Bestäubern und Wildbienen
  • Planung naturnaher Blühflächen

Besser noch warten mit

  • starken Rückschnitten an Gehölzen
  • größeren Umpflanzaktionen bei Trockenheit
  • übermäßigem Düngen

Mein persönlicher Blick

Für mich ist der Vollfrühling die Jahreszeit des Optimismus.

Im Vorfrühling freue ich mich über die ersten Blüten. Im Erstfrühling beginnt die Gartensaison langsam Fahrt aufzunehmen. Aber erst im Vollfrühling zeigt die Natur ihre ganze Kraft. Der Garten wirkt plötzlich lebendig, üppig und voller Möglichkeiten.

Besonders liebe ich die Apfelblüte. Sie erinnert mich daran, wie eng unser eigenes Leben mit den Abläufen der Natur verbunden ist. Ohne Blüten keine Früchte, ohne Insekten keine Ernte und ohne Geduld kein Garten.

Vielleicht lohnt es sich gerade im Mai, einmal kurz stehen zu bleiben, dem Summen der Bienen zuzuhören und den blühenden Apfelbaum einfach nur zu genießen.

Sabine van Osenbrüggen

Bärlauch

Flieder

Weißdorn

Jahreskreis & Phänologie

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