„Mein Sommergarten“ von Vita Sackville-West
Ein literarischer Spaziergang durch einen englischen Sommergarten
Wer meinen Reisebericht über Sissinghurst gelesen hat, weiß bereits, dass ich von Vita Sackville-West als Gartenpersönlichkeit fasziniert bin. Schließlich hat sie mit ihrem berühmten Garten in Kent Gartengeschichte geschrieben. Entsprechend neugierig war ich auf ihr Buch Mein Sommergarten.
Nach der Lektüre bleibt bei mir ein gemischter Eindruck zurück: Das Buch ist wunderschön geschrieben, atmosphärisch und voller Leidenschaft für Pflanzen. Gleichzeitig zeigt es aber auch deutlich, wie sehr sich die Gartenwelt in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.
Zwischen Gartenbuch und Zeitdokument
Vita Sackville-West schreibt in einem so anmutigen, plaudernden Ton, dass man ihr auch dann gerne folgt, wenn man ihren Empfehlungen längst nicht mehr überall zustimmen würde. Man hat beim Lesen das Gefühl, gemeinsam mit ihr durch den Garten zu schlendern, Pflanzen zu betrachten und ihren Gedanken zuzuhören.
Genau darin liegt für mich die größte Stärke des Buches.
Mein Sommergarten ist weniger ein klassischer Gartenratgeber als vielmehr eine Sammlung persönlicher Beobachtungen, Gedanken und Erfahrungen einer außergewöhnlichen Gartenliebhaberin. Vita schreibt nicht belehrend, sondern erzählt. Sie nimmt ihre Leserinnen und Leser mit in ihre Gartenwelt und vermittelt dabei vor allem eines: ihre Begeisterung für Pflanzen.
Besonders spannend: Der Weiße Garten
Am meisten begeistert haben mich die Passagen über den berühmten Weißen Garten von Sissinghurst.
Hier wird deutlich, warum Vita Sackville-West bis heute als eine der einflussreichsten Gartengestalterinnen gilt. Ihre Überlegungen zur Farbwirkung, zur Atmosphäre eines Gartens und zur besonderen Kraft weißer Blüten sind auch nach vielen Jahrzehnten noch inspirierend.
Wer sich für Gartengestaltung interessiert, findet hier wertvolle Denkanstöße. Nicht unbedingt in Form konkreter Pflanzlisten, sondern als Anregung, wie Farben, Licht und Pflanzenstimmungen einen Garten prägen können.
Gerade diese Kapitel haben mich an meinen eigenen Besuch in Sissinghurst erinnert. Dort wird spürbar, wie konsequent Vita ihre Ideen umgesetzt hat.
Wo das Buch sein Alter zeigt
Gleichzeitig merkt man dem Buch sein Alter an vielen Stellen deutlich an.
Zahlreiche Pflanzen und Sorten, die Vita beschreibt oder empfiehlt, sind heute kaum noch erhältlich oder unter anderen Namen bekannt. Manche Hinweise zur Pflanzenauswahl lassen sich deshalb nur schwer nachvollziehen.
Noch deutlicher wird der zeitliche Abstand bei den Themen Düngung und Schädlingsbekämpfung. Einige Methoden und Mittel, die damals selbstverständlich waren, gelten heute als problematisch oder sind längst verboten.
Das ist kein Vorwurf an die Autorin – schließlich schrieb sie aus der Sicht ihrer Zeit. Für heutige Gartenfreundinnen und Gartenfreunde bedeutet es jedoch, dass man viele praktische Empfehlungen kritisch betrachten muss.
Für wen lohnt sich das Buch?
Wer aktuelle Gartentipps, moderne Pflanzkonzepte oder konkrete Anleitungen sucht, wird mit diesem Buch vermutlich nicht glücklich werden.
Wer dagegen Freude an Gartenliteratur hat, sich für die Geschichte von Sissinghurst interessiert oder einfach gerne den Gedanken einer großen Gartenpersönlichkeit folgt, kann durchaus Gefallen daran finden.
Für mich war Mein Sommergarten vor allem eines: ein charmantes Zeitdokument, das zeigt, wie Gartenleidenschaft vor fast hundert Jahren gelebt wurde.
Mein Fazit
Mein Sommergarten ist ein stilistisch reizvolles und atmosphärisch dichtes Buch. Besonders die Gedanken zum Weißen Garten und zur Wirkung von Pflanzen im Gartenraum haben mich angesprochen.
Als praktischer Gartenratgeber ist das Buch heute allerdings nur noch sehr eingeschränkt nutzbar. Zu viele Pflanzenempfehlungen sind überholt, zu viele Hinweise stammen aus einer völlig anderen gärtnerischen Zeit.
Deshalb würde ich das Buch vor allem Leserinnen und Lesern empfehlen, die historische Gartenliteratur schätzen oder sich für Vita Sackville-West und die Geschichte von Sissinghurst interessieren.
Meine persönliche Erkenntnis nach der Lektüre: Vielleicht sollte ich künftig etwas vorsichtiger sein, wenn ich historische Gartenbücher kaufe und eigentlich nach konkreten, zeitgemäßen Gartentipps suche.
Für historische Romane von Vita kann ich allerdings das Buch „Unerwartete Leidenschaft“ empfehlen, es macht sehr nachdenklich, wenn eine 88-jährige Frau ihr Leben nach dem Tod ihres Mannes zum ersten Mal selbst in die Hand nimmt.
Unerwartete Leidenschaft: Mit einem Nachwort von Renate Schostack (Wagenbachs andere Taschenbücher)
Price: ---
0 used & new available from
Hinweis: Bei diesem Link handelt es sich um einen Amazon Partnerlink. Wenn du über diesen Link einkaufst, erhalte ich eine kleine Provision, ohne dass dir zusätzliche Kosten entstehen. Vielen Dank für deine Unterstützung!


